Aus Respekt vor der Schwerkraft

Spricht Katarzyna Rzehak

Krzysztof KokorynKrzysztof KokorynKrzysztof KokorynKrzysztof KokorynKrzysztof Kokoryn

Was heißt es, ein Bild zu malen?

Etwas natürliches, was aus dem Inneren fließt. Man kreiert eine Gestalt und die Umstände ihrer Existenz. Nicht nur wörtliche Umstände, wie eine Räumlichkeit oder einen Hafen, aber auch etwas so ungreifbares wie Stimmung.

Was malst Du am liebsten?

Busse, die Straßenbahn, Paprika…

Und der Heilige Franziskus?

Er ist von sich selbst auf die Welt gekommen. Ich bin nicht religiös, aber dieses Bild hat tatsächlich eine seltsame Geschichte. Kurz nachdem ich es gemalt hatte, bin ich zu ihm gegangen, als es noch am Fenster trocknete, ich schaute auf es und traute meinen Augen nicht. Auf den Flügeln eines der um den Heiligen sitzenden Vögel eine Feder! Eine echte, weiße Feder.

Ausgewachsen?

Nein, nein, sie hat sich angeklebt

Ein Wunder?

An solche Wunder glaube ich nicht. Dass man jeden morgen aufwacht, das ist ein Wunder. Alles rund herum ist ein Wunder. Es geschehen Augenblicke außergewöhnlichen Staunens über die Welt, vielleicht dann...

Kokoryn ein Mystiker! Alles aus Deinen Bildern ist doch buchstäblich präsent und greifbar.

Weil ich großen Respekt vor der Schwerkraft habe. Vor der Dichte des Daseins und der Wahrheit. Was leicht ist, soll nach oben, was schwer ist – nach unten. Bei mir schwebt nichts, die Menschen stehen brav auf dem Boden und das Bild wird durch den Gesichtskreis abgeschlossen.

Und alles so feierlich.

Ich mag es, wenn es festlich ist. Ich habe immer das Pompöse bei Fellini bewundert. Da ist ein Schiff ein Schiff, ein Weib ist ein Weib. So wie es sich gehört. Etwas von dieser Stimmung kommt in Kindheitserinnerungen an Familienereignisse vor: “und nun präsentiert uns der festliche Papa dies und das”. Der Vater groß und wichtig, die Kinder klein und kulleräugig erstaunt. Oder “das feierliche Auftreten des Onkels”. Ich liebe so was.

Wie kann man das wiedergeben?

Durch die Form. So wie bei Piero della Francesca, wo kondensierte Wesen durch eine starke, fast bildhauerische Form präsentiert werden. Dabei ist ein perfektes Zeichen notwendig. Ohne es geht gar nichts.

Du bewunderst Piero. Wen noch?

Ach, viele. Seurat. Ich habe eine ganze Weile vor seinem Nachmittag an La Grande Jatte verbracht. Es ist nicht nur die kräftige Form. Ein Bild, das plötzlich zum Stillstand gekommen ist und Gestalten, statuenhaft erstarrt.

Was ist mit dem Nikifor, das in Deinem Atelier hängt?

Ein großartiger Maler. Die außergewöhnliche Kraft des Künstler-Schöpfers in seinen Bildern blendet mich. Er ist ein Mensch des Ostens, der Kultur, die Byzanz nah ist, in der alles durch Kanone bestimmt wird, wo individuelles Dasein nichtig ist. Seine Malerei ist ernst und andächtig. Er malte keine Bilder, er lebte sie. Sogar das kleinste Bild von Nikifor ist ein Festtag.

Solche Feste soll es jetzt nicht mehr geben, da die Künstler keine Bilder malen wollen. Es heißt, sie werden nur noch Installationen machen.

Installationen? Wer braucht so was?

Sie sollen kommunikativer und offener sein als Bilder.

Quatsch. Ich habe hunderte von Bildern und Installationen gesehen. Von den Bildern kann ich mich an eine Menge erinnern, von den Installationen an keine. Das ist meistens Missbrauch und Überinterpretation. Wenn ich einen Topf wasche, dann wasche ich halt einen Topf. Ich mache daraus keine Show für die Welt.

Ist ein Bild keine Show?

Das ist etwas ganz anders. In meinem Bild teile ich etwas mit, ich lade den Zuschauer zu etwas ein. Mein Bild verspricht dem Zuschauer, dass er sich mit etwas erfüllt, etwas erlebt. Und dies soll gemütlich wie ein bequemer Sessel sein. Und dauerhaft.

Hast Du je eines Deiner Bilder bei fremden Menschen gesehen?

Ja. Ein Ehepaar aus Wilanow wollte, dass ich ein Bild signiere. Da komme ich rein und sehe mein Bild im Mittelpunkt des Hauses, über dem Kamin. Die Bewohner haben es sichtlich zelebriert. Das war mir sehr peinlich.

Ein Bild lässt sich leicht im Schrank verstecken. Was ist aber mit den Zeichentrickfilmen, die Du für das Massenpublikum machst?

Auch hier habe ich noch lange nicht den besten gemacht und wenn ich mir die alten ansehe, denke ich ständig, was man besser machen könnte.

Und derjenige, für den Du letztens einen Preis bekommen hast?

Das war ein Video zu einem Lied von Voo Voo. Ich habe keinen Preis für ihn bekommen, sondern eine Auszeichnung für die beste Animation in einem polnischen Videoclip. Es war etwas völlig neues für mich, Musik zu illustrieren. Kraftvolle Teilungen des Rhythmus habe ich in die Sprache konkreter Zeichen übersetzt. Eine grobe, starke Linie, alles direkt. Ich denke, das ganze ist gut gelungen.

Sind Deine Filme so wie Deine Bilder?

Sie werden von demselben Kokoryn gemacht, also wahrscheinlich ja. Jemand, der meine Bilder kennt, erkennt auch meine Filme und umgekehrt.

Gibt es ein Bild, das Du für kein Geld der Welt verkaufen würdest?

Nein. Ich lege keinen Wert auf Sachen, auch auf meine Bilder nicht. Laut einer Familienlegende vielleicht deshalb, weil ich Spross tatarischer Nomaden bin.



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