Die saftige Seite des Lebens erblicken

Von Ewa Klekot

Es gibt viele Arten des Sehens. Einige Menschen schauen sich die Wirklichkeit genau an, notieren im Gedächtnis jede Einzelheit; andere, den Rest der Welt mißachtend, analysieren einen kleinen Ausschnitt der Ereignisse; noch andere merken nur das Rauschen der Farben und behalten den Eindruck in Erinnerung, den es in ihnen hervorgerufen hat. Es gibt auch welche, die versuchen, die Atmosphäre des Geschehens zu bemerken. In ihrem Gedächtnis bleiben nur Details, in den sich der emotionale Inhalt des Gesehenen konzentriert. Wenn einer, der so sehen kann, auch ein Maler ist, verwandeln sich diese Details in ein System von Zeichen, mit deren Hilfe er später versucht, ein Bild zu malen – ein ganz neues Ding, das sich nach eigenen Regeln richtet und zugleich unzertrennlich verbunden ist mit Ansichten, die sich einmal ins Gedächtnis des Künstlers geprägt haben.

Krzysztof KokorynKrzysztof KokorynKrzysztof KokorynKrzysztof KokorynKrzysztof Kokoryn

So sind die Bilder von Krzysztof Kokoryn gebaut, deren warme, etwas nostalgische und etwas trotzige Aura bewirkt, daß es schwer wäre, sie nicht zu mögen.

Kokoryn ist sehr empfindlich gegen das lapidare und lesbare Bauen der Stimmung mittels der plastischen Form. Aus künstlerischen Zeichen – den überbearbeiteten Stücken der Realität - erweckt er abstrakte und zugleich leicht erkennbare Situationen, Helden und Requisiten zum Leben. In seinen Bildern gibt es keine Literatur; sie erinnern eher an den Text eines Liedes aus einem Kabarett oder einem Café, eines Liedes, das mit seiner Wahrheit über die Welt oft klüger ist als gelehrte Traktate. Eine lesbare Form, ausdrucksvolle Menschentypen, vorwiegend massiv genug, um dem Bild Statik zu verleihen, ein gut bestimmtes Kolorit und eine amüsante, manchmal nostalgische Pointe – all das finden wir in Kokoryns Bildern.

Der Künstler ist gegen jeglichen Pomp, pathetische, monumentale Formen und klassische Kühle. Dicke, dunkle Kontur, flach aufgetragene, zähflüssige Farbe, große Flecken von intensiven, reinen Tönen ergeben ein Bild voller Expression, das gleichzeitig nicht schwer zu lesen ist. Schwieriger wird es aber bei der abschließenden Interpretation: es läßt dem Zuschauer viel Freiheit, eine eigene Erzählung auszuspinnen. Denn Kokoryn selbst erzählt weder eine Geschichte noch illustriert er welche. Er stellt den Zuschauer vor das Auge eines Kaleidoskops oder ins Zentrum eines kreisenden Karussells und läßt ihn die Atmosphäre von einzelnen Ansichten fassen, bevor die Welt sich weiter dreht. Er versucht, die ganze Erzählung in einer Geste, einem Gegenstand, einer Figur, einer Zusammenfügung von Farben oder Formen wiederzugeben. Daher, obwohl durch eigene Figurativität bestimmt, bieten Kokoryns Arbeiten dem Betrachter die Möglichkeit, nächste Strophen dazuzuschreiben, wenn er nur lernt, so zu sehen, um die in Details gehaltene Atmosphäre der Ereignisse in ein plastisches Zeichen zu verwandeln.

Requisiten und Helden seiner Bilder gehören zu der warmen, farbvollen Welt, was auch ihre plastische Form suggeriert. Eine saftige Wassermelone, ein Schirm im Café, ein Schiff in der Flasche – dies sind Attribute eines heißen Sommers und ewiger Ferien. Musikanten, Kartenspieler und Betrüger, Akrobaten und Tiere gehören in die Welt des Zirkus, der Bars am Strand, der Unterhaltung im Café. Kokoryn stellt aber aus diesen Elementen keine Geschichte aus dem Leben eines Ferienortes in der Hochsaison zusammen. Seine Bilder haben eine tiefere Bedeutung – sie betreffen die sonnige und saftige Seite eines ohne Eile fließenden Lebens, das ab und zu lustig, manchmal aber auch ungerecht ist und in dem eine Sehnsucht nach fernen Ländern sich immer in der bernsteinfarbenen Tiefe des Biers widerspiegelt und meistens auch versinkt.

Es scheint, daß in Kokoryns Bildern die Zeit stehen bleibt, wie an einem Sommernachmittag – und wie im Moment, in dem unsere Erinnerungen die Form eines Zeichens annehmen. Die Ereignisse ändern den Charakter – sie werden zur grafischen Form, deren Bedeutung mit nachfolgenden Erfahrungen, Ansichten und Ereignissen wächst. Das Erinnern findet nie nach einem festgelegten Plan statt – die Zeichen legen sich aufeinander, verbinden sich – und man weiß nie, was schließlich der Effekt dieser Weissagung sein wird. Der violette Fleck ist ein Elefant und das Gesicht eines unbekannten Mädchens verschwindet im Schatten des Schirmes. Es gibt darin viel freies Spiel, Spiel mit visuellen Assotiationen und Emotionen.

Schließlich aber steht der Zuschauer vor einer mit fetter Farbe bedeckten Leinwand und lächelt, durch die aus ihr strömende Wärme übermannt.



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