Beunruhigendes Dauern

Von Małgorzata Baranowska

Selten haben wir mit Bildern zu tun, die uns auf eine so unerwartete Art und Weise zwingen, über Zeit und Dauern zu sinnen. Es ist angeblich nicht machbar, das Dauern als solches zu malen. Aber etwas davon gibt es in den Werken von Adam Patrzyk.

Man möchte sie besuchen, in diese Innenräume hineingehen, die auf den ersten Blick mit ihrer Wörtlichkeit trügen – die Einrichtung, die Häuser, die Zimmer entsprechen ja unserer Erfahrung. Erst ein aufmerksamerer Blick läßt uns eine seltsame, fantastische Perspektive und ein geheimnisvolles Licht aus unsichtbarer Quelle entdecken.

Adam PatrzykAdam Patrzyk

Angenommen, der Maler hätte zu den verödeten Stränden, zu riesigen, nur mit Büchern gefüllten Bibliotheken, zu verlassenen Zimmern und zu leeren Plätzen Menschen hinzugegeben - dann müßte dieses Bild auch sie in sein unbegreifliches Geheimnis schließen. Aber in Patrzyks Landschaften und Innenräumen, die wie eine Theaterbühne anmuten, ist keine lebhafte Aktion vorstellbar. Obwohl da Uhren zu sehen sind, kann man keinen konkreten Zeitpunkt registrieren. Man möchte da reingehen, aber ob man aus dieser Welt je wieder rauskommen könnte?

Adam PatrzykAdam PatrzykAdam Patrzyk

Es scheint, daß wir, nachdem wir die Oberfläche des Bildes überquert haben, in ein Labyrinth gelangen - und nach einer Weile, daß wir uns bereits darin befinden. Schließlich merken wir, womöglich mit etwas in der Art von Kulissenwänden zu tun zu haben. So wie im Leben, denn wir können ja nie durch die Wände sehen. Nur daß hier, trotz der bekannten Gegenstände, nichts so ist wie im Leben. Alles wirkt ein wenig zu groß und zu intensiv beleuchtet, mit einem völlig künstlichen Licht unbekannter Herkunft.

Der Maler/Regisseur weist uns, den potenziellen Zuschauern, überwiegend die Plätze im tiefen Schatten zu, von denen er uns ein ungenanntes Ritual des Lichts, ein Geheimnis unbemerkt beobachten läßt. Was für eines? Vielleicht das Geheimnis des Dauerns, der Ewigkeit. Jeder möchte hinter die Teile schauen, die uns von den unbekannten, vor unseren Augen verborgenen Räumen abgrenzen und jeder möchte die überraschende Lichtquelle identifizieren. Diese Wünsche sind spontan und ganz natürlich. Aber ausgerechnet der Maler hat alles so konstruiert, daß wir das Gefühl haben, dies wäre nicht machbar. Er hat uns in eine Zeit-Raum-Falle hineingezogen.

Diese Malerei scheint philosophisch zu sein, genauso wie es eine philosophische Dichtung gibt. Patrzyk träumt von der Darstellung des ewigen Dauerns mit künstlerischen Mitteln. Seine Bilder, so statisch und quasi ohne Elemente, die man gewöhnlich für beunruhigend hält, erwecken jedoch Unruhe. Fast auf jedem Bild sehen wir einen von Menschen geschaffenen Raum. Trotzdem wird er wie eine Landschaft dargestellt. Schön, aber fremd. Die Abwesenheit von Menschen und die Perspektive - die uns überlegen läßt, ob wir das, was wir sehen, mit dem bloßen Auge betrachten, oder ob alles durch ein unsichtbares Weitwinkelobjektiv verändert wird – schon das gibt genug zu denken. Und dazu noch anhaltend diese Lichter. Man weiß nicht, ob sie eingeschaltet wurden. Weder wollen noch vermögen wir sie ausmachen. Darin besteht das Dauern der Kunst. Aber ein Maler strebt nach etwas Größerem: danach, das Bild der Ewigkeit, der Unendlichkeit zu erreichen. Er will das Unmögliche malen und greift auf die jedem Menschen eigene Erkenntnisunruhe zurück.

Die Galerien und Bibliotheken sind leer. Dazu noch herrscht in dieser Welt eine ewige Dunkelheit. Das geheimnisvolle Licht betont zwar die Schönheit von gesättigten Farben, aber der Morgen wird vermutlich nie kommen. Und auch wenn wir irgendwo, durch den Wald der Arkaden, in der Ferne etwas wie ein Tageslicht erblicken, dann würde es sowieso für niemanden von Nutzen sein. Vielleicht ist dies eine Welt nach einer Katastrophe, die einen so seltsam geordneten Raum hinterlassen hat?

Falls jene Unbekannten, die doch diese riesigen Bibliotheken gesammelt, die Häuser gebaut, die Fensterläden eingesetzt haben müssen, verschwunden sind, bedeutet es, daß nur Objekte überdauern? Steht das Dauern nur ihnen zu? Und wir, die da sind, bleiben wir alleine? Lediglich mit dem Gefühl der Fremdheit des Seins?

Patrzyk versteht das Prinzip der wahren Fantastik. Um etwas zu konstruieren, was als ein reines Fantasiegebilde erscheint, muß man sich der Elemente der bekannten Wirklichkeit gekonnt bedienen. Um in die Zeitlosigkeit einzutauchen, muß man viel über das Licht wissen, das die Zeit des Menschen bestimmt.



Ausgewählte Werke

alle bilder ansehen