Schläft Koza mit den Hunden?

Von Paulina Reiter

Die Pistole auf das Mädchen gezielt. Mit einem nach hinten gebeugten Kopf, gekleidet in ein rotes Kleid und Netzstrumpfhose gesteht die frivole Brünette: Ich war ein Spielzeug in den Händen eines Reichen. Die Pistole schießt eine Sprechblase mit dem Schrift: POP!

Im Jahre 1947 in Paris nutzte Eduardo Paolozzi die Titelseite eines Boulevardblattes, um eine Collage zu machen. Sie hieß "I was a Rich Man’s Plaything" und zeigte eine Coca-Cola Reklame, die sich mit erotischen Titeln verkettet: „Die sündige Schwester“, „Straßendirne“, „Wenn es eine Sünde ist...“, „Ich gestehe“. Der Originaltitel des Blattes blieb erhalten und hieß: „Intimate Confessions“ - „Intime Beichten“.

Sechzig Jahre später in einem Supermarkt-Cafe wird Janek Koza, der Ketschupflaschen malt, Haarschaum mit Hilfe Papier darstellt und den Comic Erotische Beichten zeichnet nach der Pop-Art gefragt. Er distanziert sich von ihr.

Post-polo-pop-art

Aus dem Kiosk stahl er zehn Ketschups heute
Bisher seine größte Beute
Die Polizei bemerkte ihn
Sofort folgte sie ihm
Er versteckte den Ketschup unter der Ledertasche
Die Bullen bekommen keine Flasche

(aus Janek Kozas Gedicht Zehn Ketschups)

Er will kein Warhol aus Breslau sein. Es stimmt: ähnlich wie der Papst der Pop-Art in seiner Jugend, arbeitet er in einer Werbeagentur (vor drei Jahren zog er nach Warschau um) und ähnlich wie er wurde Koza schon früh zu einem gefragten Graphiker, Illustratoren und Werbeprofi.

Janek Koza

Wenn man ihn nach seinen Inspirationen fragt, wird er wortkarg. Endlich presse ich aus ihm heraus:

- Man kann sagen, dass dieser Andy Warhol ähnlich ist, die Dosen und so. Aber der Gedanke hinter meinen Bildern ist völlig anders. Ich sage nicht, dass er nicht toll ist, obwohl ich selbst Jeff Koons lieber mag (große Hunde aus Blumen, Stahl-Kaninchen die wie aufgeblasen aussehen, Bilder und Skulpturen, die Sex mit seiner Frau zeigen, der italienischen Pornodarstellerin Cicciolina; eine Mischung aus Kitsch, Moderne und Erotik, Koza ganz nahe - erinnert PR)... Ich denke, Warhol war absichtlich gedankenlos ­ sagt Janek plötzlich. – Er mied jeglichen Gedanken. Der Gedanke hinter seinen Bildern war Gedankenlosigkeit, bei mir gibt es schon eine Überlegung — hier verliert er den Mut und weniger erfreut fügt er hinzu: — so scheint es mir, aber ich bin kein Kunsttheoretiker, ich bin Praktiker....

- Eine Überlegung? - ich gebe nicht auf

- Ja, so eine allgemeine.

- Über...

- Na ja, zu diesem Thema will ich nichts sagen. Ich kann es halt nicht so mit einem Wort beschreiben.

Vielleicht geht es darum, dass wenn er vier Dosen Ketschup malt, dann bezieht er sich nicht nur auf die Dosen mit der Campbell-Tomatensuppe von Warhol. Sein Bild ist nicht nur ein reiner Kommentar zur Massenkultur und zur Konsumgesellschaft. Wenn er eine Tomate auf der Etikette malt, so ist er an dieser Tomate interessiert. Malt er eine Schachtel mit einer Katze – dann interessiert ihn die Katze. Er ist ironisch und knüpft humorvoll an die Maltradition an: Sonnige Margarine entsteht beim Gedanken an Van Gogh, Positiv und Negativ der Schmalzwürfel sind eine Huldigung an Mondrian. Kitschige Blumen, Früchte und Schmetterlinge berufen sich auf die Maltradition des Stilllebens, die Kopien der Mineralwasser-Etiketten auf die Maltradition der Landschaft.

Janek Koza

Sechzig Jahre nach Pop-Art wundert es nicht, dass Koza zu den Lebensmittel-Etiketten greift. Erst jetzt haben wir in Polen eine echte Massenkultur, einen wallenden Konsum, gehirnlose Werbung, allgegenwärtige Talk-Shows, die eine wahre Inspirationsquelle für Janeks erotischen Comics darstellen. Wenn schon keine Pop-Art, dann schlage ich Post-Polo-Pop-Art vor: polnisch, postmodern, witzig.

Janek Koza

Wenn Koza Michael Jackson malt, dann schafft er nicht nur wie Warhol mit Marilyn Monroe oder Elvis eine Celebrity-Ikone. Er vergleicht seine Bilder von früher, als er noch dunkelhäutig war und jetzige, wo er weiß ist mit Weißwurst und schwarzer Presswurst. „Das alles verleiht einen Sinn.. über Fleisch.... Rassen“ – erklärt er unbeholfen.

Janek Koza

Koza sagt wenig, macht aber viel. Er ist ein Multitalent: er kann malen, zeichnen, einen Film und eine Installation machen. Seine Gedichte sind auch schön: über Dinge und Gefühle.

Dinge und Gefühle

Ich habe Dir heut eine Plastikblume gekauft, Liebste
Sie wird tausend Jahre leben
Zuerst sterben wir
Dann unsere Kinder
Auch die Zivilisation wird erlöschen
Es bleibt nur der Müll
Meine Blume wird aber alles überleben
Jeden Wind und jedes Gewitter
Weil sie dauerhaft ist
Im Gegensatz zur Natur

(1000 Jahre, Janek Koza)

Nicht seine Bilder haben Janek Koza berühmt gemacht, sondern seine Comics und erotischen Filme, in denen er sich mit der subtilen Materie der Gefühle und Sehnsüchten befasst. Er untersucht die Ökonomie der Lust und unsere intimen Erotik-Träume. Die Anatomie der Liebe ist eine beängstigende Wissenschaft. Deswegen warnt heftig Pawel Jarodzki (Maler, Mitglied von Luxus) auf der Rückseite von den Erotischen Beichten vor dem Werk und meint es könne einen Nervenzusammenbruch, Enttäuschung und Frustration verursachen. „Geh weg von dieser Publikation! - alarmiert er - Rette dein reines Herz!“.

Janek Koza

Zwischen den Titelseiten finden wir komplizierte Geschichten der zwischenmenschlichen (nicht nur: man kann sich auch in einen Hund oder ein Schwein verlieben) Beziehungen, blutige Liebesszenarien, traurige und brutale Bettszenen. Träume der Underdogs mit hängenden Brüsten und Bierbäuchen. Kozas Linie unterstreicht die Jämmerlichkeit dieser Welt, in der Hausfrauen von einer Liebesaffäre mit dem Klempner und Mädchen von einem Abenteuer mit einem Disco-Polo Sänger träumen.

Von Koza selbst erfahren wir wie immer fast gar nichts:

- Woher nimmst du überhaupt solche Geschichten?

- Keine Ahnung.

- Vielleicht haben deine Bekannten solche Fantasien?

- Schwer zu sagen.

- Hast du irgendwelche außergewöhnliche erotische Träume?

- Nein, nein. Ich bin gewöhnlich.

- Holt ihr mit deiner Freundin einen Athleten nach Hause und formt ihr ihn zu einem Plüschbären, wie in deinem Comic?

- Wenn es darum geht, da habe ich zwei Hunde.

- Schlafen sie mit euch?

- Nein. Das ist verboten. Sie werden streng erzogen.

- Was sind das für Hunde?

- Mischlinge. Einer ist groß und weiß, der andere klein und schwarz.

- Wie die Weißwurst und die Presswurst auf deinem Bild.

- Das ist ein Zufall.

- Janek, du sagst nichts, man kann mit dir kein Interview machen.

- Du kannst selbst was schreiben, mir in den Mund schieben.

Man würde jetzt am liebsten ein schweres Geschütz von Julia Kristevas „Abject“-Theorie auffahren, die alles Ekelige und Abgelehnte in der Kultur betrifft. Die aus dem Gesamtbewusstsein verdrängten Inhalte, die Janek in seinen Comics und Filmen zeigt, könnte man auch analysieren. Es ist aber gemütlicher den Fernseher mit den schönen Menschen auszuschalten und die Zeitschriften mit den idealen Frauen wegzulegen und stattdessen die Erotischen Beichten lesen. Was für eine Erleichterung.



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