Spontanität, Bett und altes Papier

Spricht Dotti Avram

Magdalena Sawicka

Magdalena Sawicka, eine polnische Künstlerin, gewinnt bei der Ausstellungseröffnung in Montrouge bei Paris den Grand Prix der internationalen Jury für die Einzigartigkeit und Stärke ihrer Werke, die ein Spiegelbild des Alltags sind. Ihre Zeichnungen werden im Rahmen der „Europäischen Kulturhauptstadt Wrocław 2016“ auf der Biennale für junge europäische Kunst in Wrocław ausgestellt. Kuratorin der polnischen Ausstellung ist Ewa Sułek.


Wie haben Sie sich als Grand Prix Gewinnerin gefühlt?

Es ist unglaublich ermutigend, dass meine Kunst wahrgenommen und geschätzt wird, obwohl oder vielleicht gerade weil sie nicht "schreiend", sondern asketisch und kleinformatig ist. Ich war überrascht, dass Zeichnung, die oft unterschätzt und nur als ein Ausgangspunkt für ein weiteres Werk betrachtet wird, sich als ein eigenständiger Kunstbereich erfolgreich verteidigen kann.

Sie waren auf der Biennale eine Botschafterin von Polen. Was möchten Sie, dass die Biennale-Besucher in ihren Werken sehen?

Als Teilnehmerin dieser Biennale möchte ich auf die Sensibilität hinweisen, die sehr stark in meinem Heimatland verankert ist. Es handelt sich dabei nicht um Geschichte oder Stereotype, sondern um sichtbare Zurückhaltung, Primitivität, Askese, Neigung zur Melancholie und Empfindsamkeit. Ich bin davon überzeugt, dass dies die Entwicklung, die Thematik und den visuellen Aspekt meiner Kunst stark beeinflusst. Meine Arbeiten könnten ganz anders sein, wenn ich zum Beispiel in Portugal geboren wäre.

Bitte erzählen Sie uns von Ihrem preisgekrönten Kunstwerk „Pożegnanie / Farewell“. Was glauben Sie, wie hat dieses Werk die Jury "verführt"?

„Pożegnanie / Farewell“ (Abschied) ist eine Sammlung von vier Zeichnungen, die den Betrachter durch einen bestimmten Zyklus von Gedanken, Ereignissen und Geschichten führen. In meiner Arbeit verwende ich viele autobiographische Motive, ich versuche allerdings, sie ziemlich universell darzustellen. In diesem Fall handelt es sich um Sehnsucht – aber nicht nach einer Person, sondern um ein geistiges, inneres, nicht völlig klares Gefühl. Diese Sehnsucht kann nicht vollständig konkretisiert oder befriedigt werden. Ich versuche, solchen Lebenssituationen eine Bedeutung zuzuschreiben und sie zu verewigen. Ich denke, wenn wir immer mehr Reize von außen bekommen, hören wir nicht mehr, was uns unsere Natur sagt. Und ich versuche, mich darauf zu fokussieren. Das konnte für die Jury interessant sein.

Die Ausstellung wandert von Stadt zu Stadt. Bemerken Sie unterschiedliche Reaktionen auf Ihre Kunst?

Ich gehöre zu den Künstlern, die nicht gerne auf eigenen Vernissagen erscheinen und es lieber vermeiden. Außerdem bin ich in letzter Zeit sehr beschäftigt. Ich bin Tätowiererin und wegen meines Berufes kann ich nicht spontan verreisen. Mein Kalender ist voll, und es ist nicht einfach, die geplanten Termine zu verschieben. Leider muss ich mich also darauf verlassen, was mir andere Personen von der Ausstellung berichten.

Wie hat das Publikum in Wroclaw auf Ihre Kunst reagiert?

Ich hoffe, dass meine Arbeit positiv aufgenommen wurde. Leider konnte ich aus den oben genannten Gründen nicht auf der Vernissage dabei sein.

Laut der Presse wurden die Künstler positiv bewertet, und zwar für die Vielfalt der Einstellungen, Individualität und Mut gegenüber den Medien.

Sie gehören auch zu diesen Künstlern. Wie könnten Sie Ihre Philosophie beschreiben und warum eigentlich haben Sie sich für Zeichnung entschieden?

Zeichnung war für mich eine natürliche Entscheidung. Seitdem ich mich erinnern kann „skizziere“ ich im Kopf jedes Objekt und jede Person, mit der ich mich unterhalte. Ich sehe die Welt als ein Gewirr von Linien, Flecken und Farben spüre ich nicht. Zeichnung ist eine Ausdrucksform, die mir immer erlaubt, die gewünschte Realität zu schaffen. Etwas riskant war nur ein sehr kleines Arbeitsformat meiner Illustrationen (die meisten sind kleiner als A5-Format). Meistens werden auf Ausstellungen oder Wettbewerben die großformatigen Werke positiv bewertet, die „schreien“, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich wollte das Gefühl der Intimität schaffen und den Betrachter dazu bringen, möglichst nahe zu kommen und in die Illustration einzutauchen.

Wie sieht Ihr Arbeitsplatz aus?

Ich arbeite sehr spontan, immer wenn ich das innere Bedürfnis verspüre, etwas zu Papier zu bringen. Ich arbeite in meiner kleinen Wohnung, so kann ich einerseits einfacher Entscheidungen treffen, da ich nicht ins Atelier muss, und andererseits ist es unbequem, da ich keinen Tisch für diese Art von Arbeit habe. Bis vor kurzem habe ich im Bett gezeichnet, weil ich keinen geeigneten Arbeitsraum hatte. Sowohl großformatige als auch kleinere Zeichnungen habe ich ohne aufzustehen erstellt. Auch jetzt ist das Bett der Ort, an dem ich esse, schlafe, lese und mich erhole. Für meine Zeichnungen verwende ich meistens einen sorgfältig ausgewählten Zeichengrund. Das ist altes Papier aus Antiquitätenläden, Onlineauktionen, Flohmärkten und Kellern. Ich will, dass die Farbe natürlich durch Zeitablauf entsteht, ebenso wie Textur und Geruch. Solch ein Papier ist sehr inspirierend und hat eine Geschichte hinter sich. Als ich vor kurzem meine Zeichnungen vom Rahmenhersteller abgeholt habe, dachte er, dass diese mindestens 50 Jahre alt sind, obwohl sie vor einem Jahr entstanden sind.

Der Grand Prix für Magda Sawicka ist eine große Auszeichnung. In der internationalen Jury saßen Kuratoren und Menschen der Kunstwelt – Alexia Fabre, die Hauptkuratorin des MAC / VAL Museum für moderne Kunst (Vorsitzende der Jury), Marie Cécile Burnichon, Abteilung für bildende Künste am Institut Français, Etienne Comar, Drehbuchautor und Produzent, Künstler von None Futbol Club, Pia Viewing, Kuratorin von Jeu de Paume, Angelika Markul, eine in Paris tätige polnische Künstlerin, Vittoria Matarrese, zuständig für das Kulturprogramm von Palais de Tokyo, Christophe Rioux, Schriftsteller und Journalist, und Matthieu Lelievre von der Pariser Galerie Taddaeus Ropac. Die Freude ist umso größer, als die von der Kunstwelt unterschätzte Technik, Zeichnung, preisgekrönt wurde, dazu in ihrer ziemlich rohen Form, und zwar eine Illustration mit Feinliner auf Papier. Als ich Magdas Arbeiten für die polnische Sektion der Biennale ausgewählt habe, wollte ich zeigen, was in heutigen Galerien für zeitgenössische Kunst sehr oft fehlt. Es stellte sich heraus, dass es eine gute Entscheidung war.

Ein Ausschnitt aus einem Interview mit Ewa Sułek, der Kuratorin der polnischen Abteilung bei der Jeune Création Européenne Biennale.



Ausgewählte Werke

    • Touch III (3)
    • Touch III (3)

      • Medium: Ink on paper
      • Size: 36 x 43 centimeters
      • Price: PLN 900

    siehe bild kaufe bild

    • Lying woman
    • Lying woman

      • Medium: Ink on paper
      • Size: 45 x 45 centimeters
      • Price: PLN 1200

    siehe bild

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