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Spricht Bogusław Deptuła

Adam PatrzykAdam PatrzykAdam PatrzykAdam PatrzykAdam PatrzykAdam PatrzykAdam PatrzykAdam Patrzyk

Du reist wohl nicht viel, aber Deine Bilder sehen so aus, als ob Du lange Exkursionen absolviert und ferne Länder besucht hättest. Wie ist es wirklich?

Stimmt, ich reise wenig, bin eher ein häuslicher Typ, habe aber genug Phantasie, um Bilder aus verschiedenen imaginären Ländern und Orten zu malen. Meine Arbeiten werden von Menschen aus Israel und Australien gekauft, die denken, ich wäre mal überall dort gewesen. Und ich sitze in Częstochowa, meistens in meinem Wohnatelier... Reisen ist für mich eine schreckliche Plackerei.

Hattest Du nie Lust, auf die Reisen zu gehen?

Mir hat Paris sehr gefallen, dort könnte ich länger bleiben. Es war Sommer, schön, warm, ich ging in die Konzerte, in die Kneipen. Ich wohnte unter streßfreien Bedingungen. Aber das war nur einmal. Vielleicht bin ich wählerisch, vielleicht sagen mir nur wenige Orte zu.

Andererseits: Du warst in Paris, aber in Deinen Bildern findet man keine Spur davon. Dafür gibt es dort Städte, die Du nie besucht hast…

Ich weiß nicht, woran es liegt. Ich spüre, dass in meinem Kopf das gespeicherte New York oder, allgemeiner, die Architektur amerikanischer Städte vorhanden ist. Es gefällt mir, obwohl ich nicht weiß, ob es mich tatsächlich umhauen würde, wenn ich wirklich da wäre … All die Tausenden von Fenstern, von Brandtreppen… Es ist schwierig, aber auch faszinierend.

Und Dein New York, ist es aus den Fotos oder aus den Filmen? Den Krimis, den Actionfilmen?

Vielleicht ist New York nur ein Vorwand. Seit 15 Jahren male ich Fenster und Türen, in verschiedenen Variationen. Die ganze Zeit, seit meinem 5. Jahr an der Kunstakademie, seit meiner Diplomarbeit.

Woher diese Besessenheit? Hast Du gerne durch die Fenster in fremde Wohnungen eingeschaut?

Nein, nein. Das ist eine alte Geschichte, so alt, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wie es am Anfang war. Fenster und Türen sind ein Motiv, das man ins Unendliche wiederholen kann. Auf einer Fläche und im Raum. Türen an einer und an der anderen Seite des Zimmers. Du gehst rein, du gehst raus. Das Thema scheint umfassend, viele Maler machten und machen davon Gebrauch, also denke ich, dass man es fortsetzen kann.

Ist ein Fenster für Dich etwas, was öffnet oder etwas, was schließt?

Es öffnet und schließt.

In den Bildern der Renassance und später war das Fenster immer ein Symbol dafür, dass man sich der Welt öffnet; andererseits hat das Reinschauen durch das Fenster immer etwas vom Spannertum.

Darum geht es eben: als ob ich zwei Personen wäre, jemand, der an der Handlung teilnimmt und jemand, der dem zuschaut.

Aber bei Dir sind die Fenster meistens zu…

Einige sind auf.

Was bedeutet für Dich das Malen?

Ein großes Abenteuer, eine Herausforderung, eine Aufgabe, die erledigt werden muß. Eine schwierige Aufgabe. Aber ich halte mich für einen Handwerker, der eine gute Arbeit, ein gutes Erzeugnis herstellen muß.

In der Art, wie Du malst, sieht man, dass es für Dich eine bedeutende Aufgabe ist, dass Du sie sehr ernst nimmst.

Das liegt an meinem Charakter: wenn ich schon was mache, dann ordentlich. Egal was. Ich denke nicht, dass es eine Mission ist, es ist lediglich eine Arbeit, aber ich will mein Bestes tun, nach meinen Möglichkeiten. Die Beurteilung, gewiß, steht mir nicht zu.

Am liebsten malst Du Ansichten von Städten, von realen und von nicht existierenden. Aber in Städten leben ja Menschen, und Deine Städte sind vollständig leer. Nur Straßenbahnen geistern da herum… Vielleicht kannst Du einfach keine Menschen malen?

Ich hätte es sicher gekonnt, aber es hat sich so ergeben, dass ich sie nicht male. Womöglich überwinde ich mich mal. Aber ich werde nichts forcieren.

Vielleicht willst Du bloß geheimnisvoll sein?

Nein, das ist nicht meine Absicht. Ich male nicht mit diesem Vorsatz. Wenn es so scheint, dann nur, weil Menschen es so sehen. Ich konzentriere mich auf die Ebene des Malens, wörtlich und im übertragenen Sinn. Mich interessieren vor allem das Licht, die Komposition, die Struktur der Farbe, die Textur, die Übergänge von dicken zu dünnen Farbschichten. Die Handlung meiner Bilder spielt außerhalb von ihnen. Das Licht, das dort alles beherrscht, ist ein Erzähler. Er baut das Bild, holt heraus und widerspiegelt Sachen, die es auf dem Bild nicht gibt. Für mich sind meine Bilder konzeptuell. Vielleicht rede ich wirres Zeug, aber einmal hatte ich vor, eine Ausstellung im Keller zu machen - bei dem ausgeschalteten Licht. Man wüßte ja, was es dort gäbe: irgendwelche Bilder. Aber alles wäre in der Schwebe. Die Erwartung, das Dabeisein, das Klima an sich ist wichtig, vielleicht am wichtigsten.

Ist dieses Licht ein Beweis für die Anwesenheit von Menschen? Oder Gottes? Oder noch was anderes?

Ich kann das nicht erklären, ich weiß es nicht mal.

Deine Landschaften wirken realistischer. Ich sage nicht, dass sie realistisch sind, sondern, dass es darin dieses geheimnisvolle Licht nicht gibt. Was macht den Unterschied zwischen ihnen und den städtischen Ansichten?

Der Unterschied besteht lediglich in der Komposition. Hier sind die Architektur, die Häuser das schaffende Element. Und da gibt es ein Feld, einen Strand oder ein Meer. Und eine ständige Herausforderung für mich: Sonnenuntergänge zu malen. Ich möchte noch einen Hirsch malen, aber zur Zeit plage ich mich nur mit den Sonnenuntergängen. Das ist ein kompliziertes Thema und ich finde, man kann sich da austoben.

Gehen Deine Fenster zum Westen aus?

Zum Osten.

Dann warum Sonnenuntergänge und keine Sonnenaufgänge?

Unbewußt verzehre ich mich nach einem Sonnenuntergang, einem rosa Himmel, einem Meer. Das ist das Synonym des größten Kitsches. Jetzt male ich, seit etwa 6 Monaten, ein Stück Himmel. Eine Brücke, einen Fluß, einen Sonnenuntergang. Und kann es nicht zu Ende bringen. Eine Frage der Talents...

Hast Du damit Probleme?

Leider, ich denke mir immer dümmere, schwierigere Sachen zum Malen aus.

Nenne Deine Lieblingsmaler.

Nowosielski, der ganze Nowosielski, ein Fragment von Lebenstein (die 60er) , amerikanische Maler aus den 50ern: Pollock, Rothko. Yves Klein. Natürlich vor allem die Klassiker: Rembrandt, Caravaggio, Velázquez, El Greco. Die alte Kunst ist für mich wohl die wichtigste. Von den zeitgenössischen noch Francis Bacon. Außerdem die kleinen holländischen Meister.

Von den genannten Malern hat keiner einen direkten Einfluß auf Dich.

Es wäre schwer, wie Rembrandt zu malen, keiner malt heute so. Die Techniken sind verlorengegangen. Aus der Rückbesinnung auf die Klassik resultieren Mißverständnisse, eine Manier. Es kommt aber nicht darauf an, die Muster oberflächlich zu wiederholen, sondern darauf, den Inhalt zu vertiefen. Als ich El Greco in Kraków sah (das Bild Die Laokoon-Gruppe, dort im Rahmen des musealen Austausches gezeigt), hat mich die Skala verblüfft. Ich dachte, es wäre riesig, und es erwies sich als klein. Für mich ist das ein modernes Bild, die Anatomie von Weiß, dessen Schattierungen. Wäre ich klüger, würde ich gleich mit dem Malen aufhören. Die zeitgenössischen Maler bewegen mich nicht, in Installationen kenne ich mich nicht aus.

Und de Chirico? Ist er für Dich ein Beziehungspunkt?

Nein. Natürlich wiederhole ich, irgendwie unbewußt, manche Elemente, aber ich denke nicht an ihn, er ist für mich kein Muster, sicher nicht. Rembrandt und seine Poträts im reifen Alter – das ist ein Muster, natürlich schwer zu wiederholen, leider. Caravaggio… Magritte…

Magst Du Magritte lieber als de Chirico?

Magritte ist intelligent, witzig. In seiner Malerei ist schon die Geschichte an sich interessant, amüsant. Er hat auch irgendwelche Arkaden, Alleen gemalt… aber es bewegt mich nicht wirklich, denn es wird seltsam gemalt, so flach… Die Geschichte ist interessant, wie immer bei ihm. Aber die Form nicht.

Füllt Dir die Malerei die ganze Welt aus, oder machst Du noch etwas anderes?

Nein, eigentlich nichts.

Hörst Du beim Malen Musik?

Jetzt habe ich eine ernste Krise, was die Musik anbetrifft. Ich bin von ihr abhängig, kaufe dauernd CD's, lege sie auf und schalte nach einer Sekunde ab, weil sie mich nerven. Aber ich kaufe sie dennoch weiter, es ist eine Sucht, ein Alkoholismus…

… ein CD-ismus?

Ein CD-ismus. Natürlich wollte ich früher Musiker sein, aber das Malen hat gewonnen, weil ich schon als Kind malte und nicht so viel Charakter hatte, um zu spielen oder um die Eltern zu überreden, mich auf eine Musikschule zu schicken. In den 80ern spielten alle, uberall gab es Rockbands. Ich habe auch etwas gefiedelt. Dann hörte ich Jazz, Davis. Und diese Musik steckt in mir immer noch ganz tief, ich bereue, dass nicht ich derjenige bin, der sie spielt. Bei der Musik ist das Malen nichts. Eine durchschnittliche Popsängerin wirkt stärker, kann einen zum Weinen bringen, und ein Malwerk nicht…

Und mir ist das passiert, bei einem klitzekleinen Poträt von Degas im Musée d’Orsay, und nicht nur damals... Hörst Du lieber die klassische oder die Unterhaltungsmusik?

Ich mische. Jetzt höre ich vorwiegend Radio, Programm 2, viel. Klassische Musik, aber von heute. Ich habe im Kopf einen Müllhaufen. Früher hörte ich vorwiegend Jazz, jetzt aber alles: mal eine Show, mal Schwarze aus den 70er., mal den Soundtrack zu Pulp Fiction; und hier wiederum kaufte ich mir Gabriel Fauré, Requiem. Und Marlene Dietrich. Ich finde ihr Deutsch schön und weich. Es ärgert mich, wenn sie auf Englisch singt, aber auf Deutsch, die alten Sachen, die sind ausgezeichnet. Ich höre alles…



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