Das Flugzeug, der Engel, der Wolf, das Fahrrad

Von Adam Wiedemann

1.

Jacek Łydżba

Apollinaire, der als einer der ersten fliegende Flugzeuge gesehen hat, fügte dieses Bild auf der Stelle dem Kanon der christlichen Assoziationen hinzu. Ich sage nicht „Symbole”, denn, obwohl jedes Symbol immer auf einer Assoziation beruht, fiel dieser ganze Kanon damals auseinander oder wurde überdrüssig, so wie uns heute der avantgardistische Kanon überdrüssig wird - weswegen wir eine Nähmaschine nicht mehr mit einem Regenschirm, sondern eher mit der Krakauer Kneipe Singer gedanklich verbinden, die für die älteste und beinahe vorkriegszeitliche gilt. Im 20. Jahrhundert hatte jede Assoziation den Rang eines Symbols oder es fehlte den Symbolen am Rang. Wir lebten unter gewöhnlichen Assoziationen, denen wir erst heute, posthum, einen Orden und einen Platz in der Ehrenallee verliehen.

Dazu gehört auch Apollinaires Assoziation: Christus als „hübscher Flieger”, am Kreuz gespannt und in den Himmel fahrend. Alles hier bewegt sich und summt, ist immer noch frisch. Dann entdeckte der erzkatholische Saint-Exupery sein Interesse an Flugzeugen, dessen Effekte nicht mehr so schwindelerregend waren - ich kann mich nicht mal erinnern, auf welche Weise sich der Kleine Prinz von einem Planeten zum anderen fortbewegte. Die Eroberung des Weltalls hat etwas an unserer Religiosität kaputt gemacht: eine Rakete ist phallisch einfach, hat weder Flügel noch Arme. Fügen wir noch einen Faden hinzu. „Die Zone” von Apollinaire wurde von Adam Ważyk übersetzt, der an seinem Lebensende das blendende Gedicht „Der Flug” geschrieben hat: darin versetzt die Pantomime einer Stewardeß die Passagiere in den Traum über „ein Märchenland der längst ausgeschöpften / Goldminen” - über ein Land, das ebensoviel eine surrealistische Vision als die Definition unserer Welt ist, deren Hauptressource ja in jener „Ausschöpfung” besteht, die den scheinbar „märchenhaften” Möglichkeiten folgt.

Gerade dieser Assoziationenkomplex kommt mir in den Sinn, wenn ich Jacek Łydżbas Bilder aufs Neue betrachte. Genau gesagt, nur dieses eine, das ich zuerst gesehen habe: an der Wand in der Wohnung eines Freundes oder nur auf einer Ansichtskarte? Die Ansichtskarte habe ich bis heute und jetzt wundert es mich, das der Bildtitel „Der Nachtflug” lautet, denn ein solches Leuchten der Luft, des Sandes und des Meeres gibt es ja nur tagsüber und dieses Geisterflugzeug ist eines der am meisten Apollinaireschen, die ich kenne. Nur daß es (so erkläre ich es mir) sich „in den Händen / der Alfa-und-Omega-Organisation” befindet und auf das Ważyksche Ophir zufliegt, wo wir lediglich „auf einem schwarz gewordenen Baumstumpf” sitzen und einen Termitenhügel ansehen können. „Wer wird uns und für welchen / Preis freikaufen?” – so endet dieses Gedicht und dieses Bild.

2.

Jacek Łydżba

Die Engel fliegen um den hübschen Flieger / Ikarus Henoch Elias Apollonius von Thyana / umschweben den ersten Aeroplan – das Thema kann man weiter fortsetzen, denn Łydżba interessiert sich offenbar für fliegende Wesen und Maschinen und die zweite Ansichtskarte, die ich aus der Tasche hervorhole (wie übrigens auch die dritte und die vierte), stellt eben einen Engel dar.

Łydżbas Engel sind konventionell, gefiedert. Sie würden an den bereits erwähnten Ikarus erinnern, wenn nicht ihre offenkundige Weiblichkeit, ansonsten eine der wahrscheinlich fünf möglichen Engeldarstellungen: neben den kindlichen Engeln (der Putto wurde durch Pankowskis Roman zum Schutzpatron der Pädophilie), den gebeugten engelhaften Jünglingen (aus der Fronleichnamkirche in Krakau), den Racheengeln mit dem Schwert (einer von ihnen hängt in Nürnberg und macht Besuchern des örtlichen Museums Angst) und den nur aus der Literatur bekannten reinen, unsichtbaren Essenzen. Ein Engel als Frau ist der mißratenste, zumal es bei der Schöpfung der Engel noch keine Frauen (und auch keine Männer) gab. Es ist eine auf der Basis verbaler Liebkosungen (wie Asnyks „Mein Engel / Gib mir Deine / Hand”) gestaltete Person. Bei Łydżba steht die eine im Brautkleid (die Flügel ersetzen also den Jungfernkranz), die andere hält eine Trommel, als wäre es eine Kabarettprobe der Apokalypse. Es sind süße Bilder, vor denen man weglaufen soll, wenn man die Reinheit der Phantasie retten will. Der mythische Ikarus wurde (bei Leonardo) durch ein geflügeltes Reptil ersetzt und anschließend auf die Form eines fliegenden Fisches zurückgeführt, der über das atavistische Flügelschwingen die Kraft des reinen Rückstoßes bevorzugt. Deshalb halte ich die „Flugzeugbilder” für religiös ursprünglicher: ans Wesen der Dinge gehend, die Hieroglyphe der Moderne ordentlich transkribierend.

Interessant, daß auch andere, schon entflügelte Figuren von Łydżba einen engelhaften Charakter haben. Zum Beispiel sind die immer paarweise auftretenden „Jungen” zur Erde gebrachte Barockengel, die überall zu sehen sind. Dagegen erinnert das Bild „Ein Mann und ein Jüngling” an den biblischen Tobias mit dem Erzengel Raphael, wie in der Peruginos Version. Hier unterliegt das fantastische, durch jahrhundertelange Arbeit der Vorstellungskraft befestigte Motiv einer für unsere Zeit charakteristischen Domestifizierung (wie es bei dem Huhn oder der Gans der Fall ist) oder gar einer Vermenschlichung, die wir von den durch Bruno Ganz oder Krzysztof Globisz verkörperten Filmgestalten kennen. Ein vermenschlichter Engel ist eine Sonderausgabe des gefallenen Engels, denn es geht hier nicht mehr um einen übertriebenen Ehrgeiz, sondern um das Bedürfnis nach einer gewöhnlichen irdischen Liebe, was im Zusammenhang des Ausposaunens über den „Tod Gottes” verständlich ist. Merken wir uns aber, daß Raphael auch keine Flügel hatte und seine ganze Engelhaftigkeit sich in rein intellektuellen Dispositionen offenbarte. Wir können à rebours denken: nicht die Engel brauchen uns, sondern wir sie, und zwar auf eine barbarisch erotische Art, wie bei jenen, die das Pech hatten, nach Sodom zu kommen. Und warum haben sie sich dorthin verirrt? Łydżbas Bilder geben keine klare Antwort. Seine Engel sehen wir in einer Ödnis, als ob nicht mal ein Hund ihnen folgen wollte. Sie winken jemandem hinterher, rufen jemanden und man weiß nicht, ob es jemand war, den sie beschützen sollten oder jemand, der sie beschützen könnte.

3.

Jacek Łydżba

Ein wahrer Maler soll einen Hund malen können, was sowohl „Die Arnolfini-Hochzeit”, als auch der kleine Windhund von Brainard beweisen. Łydżba malt Wölfe (oder Wolfshunde?), die wohl zum Mond heulen, denn es herrscht dabei eine eindeutig nächtliche Atmosphäre. So ein Wolf drückt eine metaphysische Verzweiflung aus und steht offenkundig auf Antipoden eines Flugzeugs, er ist immer eher ungeraten (oder, besser gesagt, un-vollendet, wie jenes Spielzeug-Hündchen im „Endspiel” von Beckett), er leidet also über sein unvollkommenes In-die-Materie-Hineingeraten und dabei bildet einen volkommenen Spielraum für dämonische Kräfte. Der Hund als Begleiter ist hier unassoziiert, getrennt und verfügt nur über andere, noch weniger gelungene (und skizzenhaftere) Versionen seines eigenen Kopfes. Repräsentiert er den Künstler (in der ausgeschöpften Welt) oder ist er eher das Objekt des Mitleids (wir kennen ja viele Künstler, die sich an fremder Verzweiflung ergötzen)? Dieser Wolf braucht einen Engel, ein Engel ist für ihn der Mensch und dieser Mensch ließ ihn alleine im Wald, nachdem er selbst ins Flugzeug eingestiegen war. Ausgenommen, er ist dann auf ein Fahrrad umgestiegen.

4.

Jacek Łydżba

Das Fahrrad. Dieses Gerät zum Fahren, obwohl einfacher, ist fast ein Gleichaltriger des Aeroplans. Die Idee des Fluges wurde hier von der vielleicht weniger attraktiven, aber genauso ehrbaren Idee des Gleichgewichts ersetzt. Ausgedacht für Arme, die sich weder ein Flugzeug noch ein Auto leisten können - oder für diejenigen, die allmähliche Verbesserungen bevorzugen, die sich schneller fortbewegen wollen, jedoch ohne Übertreibung. Und ohne Lärm oder Abgase, mit engelhaftem Charme.

Ein Fahrrad zu malen ist eine Plage. All die Speichen und Zahnräder sind von Natur aus nicht so malerisch wie der Glanz eines Flugzeugs, das Hundefell oder das Federkleid eines Engels. Aber die Mühe lohnt sich: ein Fahrrad auf dem Bild sieht sympathisch aus, es erinnert an Sommerferien und hat eine relaxende Kraft, nach der man z.B. bei dem von Hyperrealisten geliebten Motorrad vergeblich sucht.

Bei Łydżba fährt niemand Fahrrad: die Fahrräder werden geführt, und zwar von schönen Frauen. Die Fahrräder begleiten sie wie Hunde: unbenutzt, aber dennoch im Dienst. Ein Mann auf dem Fahrrad erinnert zu sehr an den Fahrradsport; mit einer Frau wirkt das Fahrrad wunderbar idyllisch, es bindet automatisch das Muster eines neuen Arkadiens. Das Fahrrad erscheint da, wo wir sowohl die erhabenen, als auch die düsteren Seiten unserer metaphysischen Situation vergessen, es bewegt sich horizontal, auf einem Pfad, der uns zu irgendeinem nahegelegenen Ort hinführt. Dahin, wo wir für immer bleiben könnten.

Der Pataphysiker Jarry war derjenige, der das Fahrrad in die Literatur einführte – oder, besser gesagt, als Lausbube fuhr er mit dem Fahrrad in sie hinein. In der bildenden Kunst haben wir mit dem Fahrrad auf vielen chinesichen Holzschnitten zu tun, wo es sich mit all den Sonnenschirmen, Pagoden und Kranichfüßen ausgezeichnet komponiert. Vermutlich deshalb gibt es bei Łydżba so viele Chinesinnen, obwohl seine Fahrräder einen eher metaphysischen Charakter haben. Hätte man ihnen Flügel zugesetzt, würden sie wegfliegen. Zur Zeit stehen sie still, aber man sieht, daß deren Besitzerinnen nur für einen Moment angehalten haben, um ein wenig zu schwatzen, ihre Gesichter sind beweglich, in mehreren Versionen aufgefaßt und lediglich auf das Diesseitige konzentriert. Diese Augenblicke nutzt der Maler, indem er sich wie ein Fotograf aus dem 19. Jahrhundert verhält: unfähig, das Bewegliche zu registrieren. Auf den Fahrradfotos „fährt” Jarry auch, aber jede Speiche ist deutlich zu sehen. Wie ist dies möglich?

5.

Für mich setzt sich all das zu einem Bild aus der Kindheit zusammen. Ich auf dem Fahrrad, daneben ein Hund, darüber Flugzeuge, dahinter ein Engel mit dem Schwert. Nun aber haben sich das Fahrrad, der Engel, der Hund und das Flugzeug zerstreut - und jetzt stehen alle vor unterschiedlichen Hintergründen.



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