Island
Maria Kiesner widmet sich in ihrem Schaffen seit vielen Jahren konsequent modernistischen Strukturen sowie peripherer und funktionaler Architektur. Ihre Malerei bewegt sich an der Grenze zwischen Realismus und Abstraktion und schwächt die wörtliche Aussage des Bildes zugunsten einer Stimmung ab: der Ruhe, der Harmonie und eines subtilen Gefühls der Verlassenheit, das die dargestellten Räume durchdringt. Kiesners Bilder entstehen als Ergebnis der Auswahl und Ordnung gespeicherter Eindrücke: Aus vielen möglichen Ansichten eines Ortes bleibt eine übrig – geformt durch Erinnerung oder persönliche Erfahrung.
Der Bilderzyklus, der der Architektur Islands gewidmet ist, stellt die persönliche Erzählung der Künstlerin von ihrer Reise dar. Besonders beeindruckte sie das Zusammenwirken von Architektur und Natur – deren Wildheit, Unvorhersehbarkeit und Kraft. Spuren plötzlicher Ereignisse, wie Vulkanausbrüche, die die Bewohner zwangen, ihre Häuser von einem Tag auf den anderen zu verlassen, hinterließen im Landschaftsbild verlassene Gebäude, die auf schwarzen, erstarrten Lavafeldern und rauen vulkanischen Ödlanden stehen. In der Erinnerung der Künstlerin blieb auch die außergewöhnliche Atmosphäre der isländischen Landschaft – ihre Geheimnishaftigkeit, Melancholie und die fast filmische Aura von Licht und Vegetation. In den Worten von Stefan Paruch, dem Reisebegleiter der Künstlerin: “(...) Maria Kiesner begab sich auf eine Reise. Sie betrachtete eine Landschaft, die bereits in die kollektive Vorstellungskraft von Touristen aus aller Welt eingegangen ist. Diejenigen, die sie gesehen haben, waren überwältigt; für jene, die sie nicht sehen konnten, ist sie eine Quelle der Sehnsucht nach etwas Spektakulärem. Die Malerin filterte die Erfahrung des Aufenthalts auf einer fernen Atlantikinsel durch ihre eigene Praxis.”
Die dargestellte Architektur steht im Einklang mit der Natur, konkurriert nicht mit ihr, sondern fügt sich in eine Atmosphäre der Stille, der Verlangsamung und der Melancholie ein. In den Bildern erscheint auch das Phänomen der stratosphärischen Wolken – der sogenannten Perlmuttwolken –, selten und flüchtig, in einer subtilen, diffusen Weise wiedergegeben, die das Gefühl von Schwebe und Unwirklichkeit verstärkt. Sanfte Tonübergänge, eine sparsame Farbpalette und vereinfachte Formen lassen die Strukturen zwischen Präsenz und Auflösung schweben; sie dominieren den Raum nicht, sondern versuchen, sich in ihm zu verankern, als würden sie ihr Dasein mit der Umgebung verhandeln. Architektur ist daher nicht das Thema an sich, sondern wird zum Werkzeug einer Erzählung über die Erinnerung des Ortes und die Zerbrechlichkeit gegenüber den Kräften der Natur. Die Bilder des Zyklus Island zeigen zugleich einen Moment des Innehaltens – einen Zustand stiller Balance, in dem Raum, Licht und Form koexistieren und ein kontemplatives, beruhigtes Bild der Insel schaffen

