Für den Krieg waren die Platten zu klein

Von Andrzej Rybicki

Über Jan Kotik, Autor dieser Aufnahmen, ist wenig bekannt. Er war ein Soldat, hatte seine Kamera dabei und auf einer Glasplatte einzelne Bilder festhaltend erstattete er einen Kriegsbericht. Seine Haupthelden waren Soldaten der österreich-ungarischen Armee, irgendwo im Grenzland der Monarchie während des Ersten Weltkrieges und die Zivilbevölkerung, fast immer in Begleitung von Soldaten. Es bleibt unbekannt, ob das alle von den in dieser Zeit von Kotik gemachten Fotos sind und ob diese Sammlung eine geschlossene Einheit bildet. An manchen Stellen sichtbare mehrziffrige Zahlen lassen die Vermutung zu, dass es wesentlich mehr Bilder gab und wir hier nur mit einer zufälligen  Auswahl zu tun haben. Die Zeit und fast 100 Jahre alte Geschichte dieser Sammlung, die uns unentdeckt bleibt, wurden zum Schöpfer dieser Sammlung.

Bogna GniazdowskaBogna GniazdowskaBogna Gniazdowska

Nach dem Vorhaben des Autors sollten die Aufnahmen den anderen dienen können. Er hat sie auf Pappe aufgeklebt und sorgfältig beschrieben. Mit einer Schreibmaschine ausgefertigte Texte über Zeit, Ort und Helden der Fotoaufnahmen, die sich auf separat aufgeklebten Karteien befinden, vervollständigen die Bilder. Interessant ist, dass diese Texte Korrekturen enthalten. Mit roter Tinte wurden die Buchstabenfehler korrigiert, manchmal sogar ein Geschehen präzisiert oder eine Abkürzung ergänzt. Eine der Aufnahmen ist mit einem Siegel versehen, das Pressebüro des kaiserköniglichen Kriegsministeriums hat ihre Veröffentlichung erlaubt.

Bei Betrachtung dieser Bilder sind die Umschriften an den Rändern der Glasplatten leicht zu bemerken. Sie wurden im Kontaktverfahren abgelichtet, bei der Fertigung der Abzüge. Zu lesen sind Nummern und geographische Namen: Flamm, Tirol, Belgrad, es kommen  auch Offiziernamen vor. Das zeugt von der Präzision des Autors, und macht uns die Analyse leichter. Aber diese Aufnahmen können auch separat existieren, denn ohne Beschreibung sind sie auch lesbar, die Hauptinformationen hat Kotik nämlich im Bild erhalten. Die Textversion weist jedoch darauf hin, dass diese Sammlung eine breitere und wichtigere Rolle spielen sollte als nur die Rolle der Erinnerung aus der Kriegszeit. Sicher war diese Sammlung, nach dem Wunsch des Autors, nicht als Erinnerung in einem Familienalbum vorgesehen.

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Die Aufnahmen stammen aus dem Ersten Weltkrieg, aber dieser Krieg – Schützengräben, Schlachten, bravouröse Angriffe oder heldenhafter Kampf treten hier nicht auf. Fast alles spielt außerhalb der Frontlinie, sogar im weiten Hinterland. Die Mehrheit der Aufnahmen fällt uns schwer zu einer Reportage zu zählen. Aber verlangen wir nicht zu viel? Geringe Lichtempfindlichkeit des fotografischen Materials, Platten aus Glas, schweres, unhandliches Gerät erschwerten die schnelle Fotoaufnahme. Die Arbeit an der später bekannten Leica mit Kleinbildfilm aus Zelluloid wurde von Oskar Bernack erst begonnen, so dass in den nächsten Militärkonflikt Leica mit anderen verwandten Kleinbildkameras einsteigen konnte.  Die Fotoreporter aus dem Ersten Weltkrieg mussten oft ihre Dunkelkammer, die ganzen Fotolabors in den Blockhäusern an der Front selbst organisieren. Außerdem war ein Soldat mit einer Fotokamera an der Front verdächtigt. Deswegen sind die Gruppenmenschen in Uniformen, verschiedenen Dienstgrades, verschiedener Nation, direkt in das Objektiv schauend oder weit entfernten Objekte die meist auffallende Form der fotografischen Dokumentation.

Kotik hat seine Aufnahmen im Süden der Monarchie Österreich-Ungarn gemacht, auch auf den Gebieten, die sich erst während der Kriegshandlungen unter dem Einfluss der kaiserköniglichen Monarchie befanden. Wir haben hier eine große Vielfalt von aufgenommenen Situationen. Es gibt Zivilbevölkerung: Kinder, albanische Bauer in ihren Höfen, ungarische Wehrpflichtiger auf dem Platz in Kisvarda /im Süden Ungarns/ während der Mobilisierung, die auf Impfung warten, Zivilisten, die noch in eigenen Kleidern stehen, aber bald Uniformen bekommen werden. Auf ihren Gesichtern ist Unruhe zu lesen, aber auch Neugier auf das Bevorstehende. Auf anderen Bildern reichen die Österreicher die Hand den russischen Kriegsgefangenen. Ein anderes Foto mit einer großen Gruppe auf einer Bahnstation arbeitenden russischen Kriegsgefangenen, weiter Aufnahme von anderen Kriegsgefangenen – Italiener beim Essen während der Pause. Für sie alle ist der Kriegsalptraum vorbei – ihre Gesichter sind ruhig, der eine und der andere lächelt.

Zwischen diesen beiden Polen des Soldatenschicksals stellen die Bilder von Kotik ein Großteil der Kriegsprosa dar. Irgendwo, an einem serbischen Ort arbeiten die Schützer bei dem Holzaufstapeln, woanders teilen sie das Getreide aus den Lagern aus, wir sehen Fuhrwerke auf einer Landstraße. Es gibt Kanzlei des Regiments und Schule für Telegraphisten. Mit Platten aus Glas wurden auch mehr offizielle Aufnahmen gemacht: Besuch des türkischen Kriegsministers Enver Pasa, Porträts der hochrangigen Führer.

Eine Sammlung von Aufnahmen aus einem Krankenhaus bringt uns die Gestalt von Kotik und seine Tätigkeit etwas näher. Es gibt ein gemeinsames Foto von dem Personal der medizinischen Fakultät in Luxemburg, Aufnahmen von den Krankenhäusern in Belgrad und Flamm, sogar eine Fotodokumentation von einem orthopädischen Experiment – ein Porträt des russischen Kriegsgefangenen mit einer Beinprothese. Kotik sollte mit medizinischen Diensten der österreichischen Armee verbunden sein. Dies ermöglichte ihm, sich auf dem Kriegsgebiet Balkan ziemlich einfach zu bewegen und die Kamera unbegrenzt zu benutzen.

Es gibt auch einen ethnographischen Faden auf den festgehaltenen Bildern, es geht um Fotos von ‚albanischen Typen’, wie Kotik selbst seine Helden nannte. Unter Bezeichnung ‘albanisch’ sollen eher muslimische Einwohner Serbiens verstanden werden und nicht die echten Albanern, denn die Armee Franz Joseph I. hat das Territorium von Albanien nicht erreicht. Jedoch sind auf den Fotos von Kotik die balkanischen Muslime zu sehen. Die Bauer, Frauen und Kinder posieren für Fotos und scheinen nicht besonders damit glücklich zu sein, deswegen verstecken sie sich unter der Dachtraufe eines Bauernhauses. Wir sehen ein Fragment von der Ehrerbietung an den neuen Herrschern in Pekinj, irgendwo im Süden Serbiens.

Über diese Sammlung entscheidet der Zufall. Kotik wirkte impulsiv - bemerkte etwas Interessantes, dann drückte er den Knopf des Verschlusses. Das Bild aufnehmend übernahm er die Rolle eines Filmdesigners, der die Geschehnisse erzwingt und das hat mit der Dokumentation wenig zu tun.  Genau diese Aufnahmen, die unpositionierten, spontan gebannten Bilder bilden die Mehrheit dieser Sammlung. Das sind Einzelbilder aus dem Krieg, eine Dokumentation von den nicht miteinander gebundenen Geschehnissen. Diese Fotoaufnahmen sind sehr statisch, sogar würdevoll. Es gibt keine für die Kriegsaufnahmen charakteristische Dynamik. Für den Krieg waren die Platten von Kotik einfach zu klein.



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